Vernetzt umdenken. Starke Strukturen für neue Wissenslandschaften

3./4. Juli 2025, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Netzwerke in der Wissenslandschaft der Alltagskulturforschung, die sich selbst explizit als solche verstehen, sind ein junges Phänomen. Sie bringen unterschiedliche Institutionen unter dem Dach gemeinsamer Aufgaben und Ziele zusammen. Wie kann eine solche inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen, wie kann gemeinsam Wissen generiert und vermittelt werden – und inwiefern kann das Tun über die Maßnahmen hinaus strukturstärkend wirken? Diesen Fragen widmeten sich Mitglieder verschiedener Verbünde auf der Tagung „Vernetzt umdenken“.


Im Verlauf der Tagung und insbesondere während der Abschlussdiskussion traten wiederkehrende Themen hervor, die die Netzwerkarbeit prägen und im Folgenden thematisch gegliedert dargestellt werden. Patrick Klügel (Universität Tübingen) moderierte den Austausch, der von Nils Theurer aus Freiburg als Graphic Recording dokumentiert wurde. 

Die Vorteile

Stärken und Chancen von Verbünden: Netzwerke und Verbünde können als Knotenpunkte einer vernetzten Wissenslandschaft verschiedene Organisationen und Personen zusammenbringen, die üblicherweise getrennt voneinander agieren. Sie stärken die sogenannten kleinen Fächer und weniger etablierte wissenschaftliche Felder, indem sie Ressourcen bündeln und institutionelle Verankerungen sichern. Sie erhöhen außerdem die Sichtbarkeit der einzelnen Beteiligten sowie des Netzwerks an sich (als Vertreterin eines Fachs oder Forschungszweigs) und können so auch gesellschaftlichen Einfluss entfalten.

Verbesserte Sichtbarkeit und Wirkkraft: Sichtbarkeit ermöglicht eine stärkere Verbreitung von Ergebnissen und die Wirkung, die diese entfalten können. Sie erhöht die Chancen auf Kooperationen, die sich nur ergeben können, wenn man voneinander weiß. Netzwerke können auch eine geringe institutionelle Anbindung ausgleichen und so z.B. im universitären Bereich den Fortbestand von Lehrstühlen unterstützen.

Gemeinsame Ressourcen: Die geteilte Nutzung von Räumlichkeiten, Ausstellungskonzepten und Objekten, das Einbringen von Fähigkeiten und Arbeitszeit und die gemeinsame Erstellung von Presse- und Social-Media-Material bringt konkrete Vorteile für die Mitglieder. Auch die Chancen bei der Antragstellung für Drittmittelprojekte steigen, wenn personelle, materielle, finanzielle, zeitliche und räumliche Ressourcen sinnvoll zusammengebunden werden. 

Synergien in Ausbildung, Lehre und Forschung: Verbünde bieten einen Rahmen, um gemeinsame Lehrforschungsprojekte und Lehrkooperationen durchzuführen. Qualifizierungen wie Promotionsvolontariate verbinden akademische und praktische Kompetenz und bringen „Brückenbauer:innen“ hervor. Die Vernetzung ermöglicht die Weiternutzung und -entwicklung von Forschungsergebnissen. In diesen Bereichen und deren Verknüpfung miteinander liegt ein Potenzial, das Verbünde ausschöpfen können – auch um hier innovative, experimentelle Formate auszuprobieren.

Gesellschaftliche Wirkung: Geteilte Grundhaltungen in Verbünden können dazu befähigen, gesellschaftspolitisches Potenzial stärker zu nutzen. Die Mitglieder können Aneignungsversuchen von Populist:innen durch differenzierte Kontextualisierungen etwas entgegensetzen, die auf der Expertise verschiedener Institutionen basieren, und das Vertrauen in Wissenschaft und wissenschaftliche Einrichtungen sowie Museen stärken. Verbünde und transdisziplinäre Projekte haben einen großen Einfluss und regen beispielsweise wissensbasierte Entscheidungen zu aktuellen Fragestellungen in ländlichen Regionen an.

Moderne Wissenskommunikation und Partizipation: Die Zusammenarbeit ermöglicht es, auch größere Projekte der Wissenskommunikation umzusetzen, die aktuellen Anforderungen an Besucher:innenerwartungen, Mediennutzung und Teilhabemöglichkeiten entsprechen. Beispiele hierfür aus den Verbünden sind das Museo Mobile als Methode zur ethnografischen Sammlung und Vermittlung, das auch partizipative Formate einschließt, oder NumiScience als niedrigschwelliges Citizen Science-Angebot für neue Zielgruppen. 

Die Herausforderungen 

Ressourcen und Erwartungen: Strukturelle Bedingungen können Chancen und Stärken von Verbünden darstellen, aber auch Schwierigkeiten erzeugen. Ungleiche Ressourcenverteilung und Zielsetzungen von Institutionen erschweren die Zusammenarbeit. Museen, Universitäten und andere Partner:innen folgen eigenen Zeitlogiken und Erwartungen.

Praxis und Forschung: In Kooperationen kommt teilweise das Gefühl auf, dass Praxisakteur:innen Forschung als kostenlose Dienstleistung nutzen wollen – und andersherum. Unterschiedliche Ansprüche an theoretische Tiefe und Praxisorientierung verstärken diese Spannungen. 

Finanzierung und Arbeitsbelastung: Viele Verbünde sind in schwierigen finanziellen Situationen, die besonders die Nachhaltigkeit der geschaffenen Strukturen infrage stellen. Häufig übersteigen die Anfragen die verfügbare Arbeitszeit, sodass unbezahlte Arbeit geleistet wird. Auch die gestiegenen Ansprüche an gute Öffentlichkeitsarbeit binden zusätzliche Ressourcen. Partizipation und Multiperspektivität erfordern Zeit und Vertrauensarbeit im Forschungsprozess, die zusätzlich geleistet werden muss.

Digitale Infrastruktur und technische Nachhaltigkeit: Die Entwicklung gemeinsamer digitaler Strategien ist komplex, das zeigt das Beispiel des LVR Rheinland. Unterschiedliche Datenstandards erfordern intensive Abstimmungen, groß gedachte Konzepte mit präziser Metadatenerschließung können aber langfristig genutzt werden und vereinfachen die nachhaltige Nutzung der Daten und Strukturen. Kompatibilitätsprobleme und praktische Bedenken im Alltag erschweren gemeinsame Nutzungen. 

Publikationslogiken:
 Der Stellenwert von Publikationen und die Publikationslogiken (z.B. in welchen Medien sinnvollerweise veröffentlicht werden soll) variieren zwischen den Institutionen und erschweren die Zusammenarbeit. Zwar werden breite öffentliche Rezeption und transdisziplinäre Projekte von Förderern zunehmend begrüßt, sie führen innerhalb der einzelnen Institutionen aber nicht automatisch zu Anerkennung und Unterstützung und bieten daher häufig wenig Anreiz.

Erkenntnisse für die Verbundarbeit:

  • Unterschiedliche disziplinäre und institutionelle Perspektiven erzeugen Konflikte, die durch bewusste Offenlegung gelöst werden können. 
  • Besonders bewährt hat sich ein Einsatz von Boundary-Spannern, die als Vermittler:innen auftreten (z.B. Koordinationspersonen).
  • Regelmäßige Kommunikation mit klaren und transparenten Zielsetzungen ermöglicht produktive Zusammenarbeit und bietet die Grundlage für Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung. 

Vorstellung der Netzwerke 

KulturWissen vernetzt | Karin Bürkert und Inga Wilke

Karin Bürkert (Universität Tübingen) und Inga Wilke (Universität Freiburg) stimmten in ihrem Beitrag „KulturWissen vernetzt: Impulse zum Tagungsauftakt“ die Teilnehmenden auf das Thema der Tagung ein. Der Verbund KulturWissen vernetzt führt seit 2021 die Vernetzungsarbeit des durch die Landesinitiative Kleine Fächer geförderten Forum Alltagskultur weiter. Er verzahnt die Zusammenarbeit von Universitäten, Museen und Archiven der Alltagskulturforschung in Baden-Württemberg. Die beiden Projektkoordinatorinnen des Verbunds stellten die Phasen der Zusammenarbeit dar und legten Schwerpunkte auf die Wissenskommunikation und kooperative Lehrforschungsprojekte. Das Museo Mobile wurde als mobiles Museum und aufsuchende Methode im Verbund konzipiert und das Projekt KERNgeschichten bereits ausgestellt. Die als Sammlungsbehälter nutzbaren Vitrinen und die modulare Ausstattung sind bereits für ein weiteres Lehrforschungsprojekt eingeplant.

Netzwerk Alltagskultur Ost | Ira Spieker

Ira Spieker (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde) stellte die „Potenziale, Problemlagen und Positionierungen“ des Netzwerks Alltagskultur Ost dar. Der Verbund besteht aus Museen und Institutionen in den ostdeutschen Bundesländern. Spieker skizzierte die Entwicklung, Arbeitsweisen und aktuellen Herausforderungen des Verbundes. Als Folge der Wissenschaftspolitik in der DDR sei die Empirische Kulturwissenschaft bis heute nur punktuell universitär verankert. Die beteiligten Institutionen reichten von Beratungsangeboten bis zu reinen Forschungsinstituten. Exemplarisch berichtete sie über die erfolgreiche Kooperation und Ausstellung des Lehrforschungsprojekts Garagen | Geschichten der Universität Jena und des Museums für Thüringer Volkskunde in Erfurt. 

Kulturanthropologisches Institut Oldenburger Land | Christine Aka

Christine Aka gab in „Zwischen Uni und Museum. Eine Forschungsstelle zwischen zwei Welten?“ einen Einblick in die Projektarbeit des Kulturanthropologischen Instituts Oldenburger Münsterland (KAI-OM), dessen Geschäftsführerin sie ist. Das Institut wurde 2018 als An-Institut der Universität Vechta gegründet und erforscht die regionale Kultur des Oldenburger Münsterlandes. Aka verwies auf die Vorteile von Partnerschaften, etwa die Nutzung von Ausstellungen aus dem Museumsdorf Cloppenburg durch andere regionale Museen. Das Institut richtet sich an Rezipierende in der Region und pflegt in den Veröffentlichungen einen Stil, der sich von klassischen akademischen Schriften abhebt.

Netzwerk Museen | Jan Merk

In „Zusammenarbeit über Grenzen hinweg“ stellte Jan Merk das trinationale Netzwerk Museen vor. Jan Merk, der das Dreiländermuseum in Lörrach leitet berichtete über Struktur und Arbeitsweise. Neben regelmäßigen Vollversammlungen koordiniert das Comité trinational die Aktivitäten des Netzwerks; dabei sind Frankreich, Deutschland und die Schweiz mit je zwei Plätzen vertreten. Das Ausstellungsprojekt wechselt alle drei Jahre und damit auch die Zusammensetzung. Gerade die Mischung aus größeren und kleinen Häusern sorge für Synergieeffekte, beispielsweise wird ein gemeinsamer Ausstellungskatalog gedruckt und das Netzwerk über ein solidarisches Finanzierungsmodell getragen. Merk berichtete von der Planung der Ausstellung zuhause unterwegs, an der sich aktuell über 30 Museen beteiligten.

Numismatischer Verbund Baden-Württemberg | Matthias Ohm und Susanne Börner

Der Numismatische Verbund Baden-Württemberg wurde von Matthias Ohm (Landesmuseum Stuttgart, Universität Mannheim) und Susanne Börner (Universität Heidelberg) vorgestellt. In dem Vortrag „Münzen und Medaillen landesweit vernetzt“ präsentierten sie seine Arbeit. Die Anschubfinanzierung erfolgte 2016 über die Landesinitiative Kleine Fächer, seitdem arbeitet der Verbund mit 11 Mitgliedern aus Baden-Württemberg in Forschungsprojekten, Kooperationslehre, bei Anträgen und Sammlungen zusammen. Ein erfolgreiches Projekt ist NumiScience, die erste epochenübergreifende E-Learning-Plattform für Numismatik im deutschsprachigen Raum. Zielgruppe sind dabei neben Studierenden auch Schüler:innen, Lehrkräfte sowie Münzsammler:innen. Die Plattform nutzt Gamification-Elemente, um das Nutzer:innenerlebnis zu verbessern. Auch Ehrenamtliche, genehmigte Sondengänger:innen, Zoll und Polizei zählen zu den Partner:innen, beispielsweise bei der Schnellbestimmung von Funden.

Landschaftsverband Rheinland | Christian Baisch

Christian Baisch stellte in „Vernetztes kulturelles Erbe – Alltagskulturen im Rheinland“ die Arbeit des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) vor. Der Kommunalverband hat etwa 22.000 Mitarbeitende in neun Dezernaten. Baisch arbeitet im Dezernat für Kultur, das unter anderem die Kulturdienste und Museen des LVR koordiniert, aber auch Kooperationen und Vernetzung betreibt. Ziel der Kooperationen sei die Vernetzung von Institutionen und die Verbindung von materieller Kultur mit immateriellem kulturellem Erbe gewesen. Der Verband betreibt unter anderem das Wortnetz Kultur und nutzt die Onlinelösung DigiCULT, die den LIDO Metadatenstandard unterstützt und einen Thesaurus nach FAIR-Prinzipien bietet. Die digitale Strategie wurde in der zentralen Steuerungsgruppe in Köln entwickelt und soll als Prototyp für das Dachportal getestet werden.

Inter- und transdisziplinäre Vernetzung 

In ihren Kurzinputs zu Beginn der Podiumsdiskussion stellten Cornelia Kühn (Fachhochschule Potsdam), Regina Bendix (Universität Göttingen) und Boris Nieswand (Universität Tübingen) jeweils ihre institutionellen Hintergründe und damit verbundene Erfahrungen mit Inter- und Transdisziplinarität vor.

InNoWest | Cornelia Kühn

Kühn ist Koordinatorin des Teilvorhabens Wissenstransfer im Verbund InNoWest. Der Verbund verfolgt das Ziel, Pilotprojekte umzusetzen, die die Lebensqualität der Menschen vor Ort verbessern, beispielsweise im Bereich der digitalen Infrastruktur oder der Förderung des Miteinanders. Auch die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse in hochschulferne Räume sowie regionale Lernprozesse und Wissensweitergabe sind Schwerpunkte. Sechs Teams arbeiten dafür mit Kommunen, Zivilgesellschaft und Unternehmen zusammen. Transdisziplinarität werde als Möglichkeit gesehen, Probleme in einer durch multiple Krisen geprägten Gegenwart zu lösen.

Erfahrung mit Forschungsgruppen | Regina Bendix

Bendix stellte Projekte mit unterschiedlicher Zusammensetzung und deren Besonderheiten vor: die DFG-Forschungsgruppe Die Konstituierung von Cultural Property, das BMBF-Projekt OMAHETI sowie das durch die VW-Stiftung geförderte Projekt Sensible Provenienzen. In allen Projekten wurden die Stärken einer ethnografischen Begleitung des Prozesses deutlich, die viele Probleme abmildern konnte. Eine hohe Motivation der Praxispartner:innen ermöglichte einen großen öffentlichkeitswirksamen Output und im Fall von Omaheti ein Folgeprojekt zum Handwerksglück. Es gab aber auch Unstimmigkeiten durch Fachdünkel und divergierende Standards bei Veröffentlichungen.

SFB Bedrohte Ordnungen | Boris Nieswand

Nieswand berichtete von seinen Erfahrungen mit Interdisziplinarität aus dem Kontext des Tübinger Sonderforschungsbereichs Bedrohte Ordnungen. Diese hat er gemeinsam mit Ewald Frie in dem Buch Keplerstr. 2. Innenansichten geisteswissenschaftlicher Forschung festgehalten.

In der anschließenden Diskussion sprachen Bendix, Kühn und Nieswand, moderiert von Markus Tauschek (Universität Freiburg) und Thomas Thiemeyer (Universität Tübingen), über die Besonderheiten inter- und transdisziplinärer Forschung.
In dem lebhaften Gespräch tauschten sich die Teilnehmenden zu einigen grundlegenden Erfahrungen aus. Inter- und transdisziplinäre Forschung und Zusammenarbeit lebt von unterschiedlichen Perspektiven, die je nach Karrierephase ganz verschieden wahrgenommen werden. Laut Nieswand entdecken Doktorand:innen oft begeistert Querverbindungen zwischen Fächern und gewinnen neue Blickwinkel. Postdocs stehen der Zusammenarbeit dagegen oft skeptisch gegenüber: Gemeinsame Publikationen bringen für die Karriere selten Punkte, der Aufwand überwiegt. Professor:innen wiederum erleben mitunter Synergieffekte und „glückliche epistemische Gemeinschaften“. Nieswand zufolge entsteht in Verbünden „Orientierungswissen“, das hilft, gesellschaftliche Strukturen in Vergangenheit und Zukunft zu verstehen. Bendix betonte Vertrauen, informelle Räume und klare Kommunikation als Erfolgsfaktoren. Ethnograph:innen sind oft besonders gut für interdisziplinäre Kooperationen gerüstet, weil sie diese nicht nur mitgestalten, sondern auch kritisch begleiten können. Statusunterschiede zwischen Disziplinen können aber Spannungen erzeugen. Entscheidend ist, „Schlüssellochthemen“ (Nieswand) zu identifizieren, die als Gesprächsanlässe dienen, anstatt zu versuchen, jede Uneinigkeit aufzulösen. 

Gegenüber Praxispartnern (z. B. Handwerk, Zivilgesellschaft) sollte die Wissenschaft klarer kommunizieren, welche gegenseitigen Vorteile Kooperationen bieten. Nieswand beobachtet zudem einen Generationenwandel: Während ältere Wissenschaftler:innen oft nostalgisch auf frühere ‚goldene Zeiten‘ der Geisteswissenschaften zurückblicken, setzen Jüngere auf Umgänglichkeit und Netzwerkfähigkeit als zentrale Kompetenzen.

Drei Leitsätze für gelingende Zusammenarbeit konnten aus der Diskussion abgeleitet werden: 

  • Differenzen aushalten – Nicht alles muss harmonisch sein. 
  • Disziplinäre Überheblichkeit abbauen – Kein Fach sollte sich über andere stellen. 
  • Emotionen und informelle Räume zulassen – Vertrauen entsteht durch Interaktion. 

Strukturelle Herausforderungen – epistemologische Chancen? 

Aus einer organisationssoziologischen Perspektive stellte Anna Kosmützky (Leibniz Forschungszentrum Wissenschaft und Gesellschaft, Hannover) am Abschlusstag die Themen „Kooperation und Wissensgenerierung zwischen Organisationen: Zwischenräume, Grenzarbeit und Boundary Spaces“ vor. Die Besonderheit interorganisationaler Kooperationen ist die Zusammenarbeit von Organisationen, die über unterschiedliche Ressourcen, Kompetenzen und Spezialisierungen verfügen und sich somit gegenseitig Zugang zu komplementärem Wissen und Fähigkeiten ermöglichen. 
Diversität bietet Vorteile: Durch unterschiedliche Expertisen fördert Heterogenität in Teams Kreativität und Innovation. Ein fehlender geteilter Bezugsrahmen stellt aber eine Herausforderung dar, denn das erschwert das gegenseitige Verstehen und verlangsamt Prozesse im Vergleich zu homogeneren Teams. Am Beispiel eines erfolgreichen Biomedizinprojekts stellte Kosmützky Faktoren vor, die das Gelingen der Zusammenarbeit beeinflussen. Dazu gehören räumliche Verdichtung, Metaorganisation über Organisationsgrenzen hinweg und erfolgreiches „Boundary-Spanning“ der Gruppe. Der Zwischenraum, der sich durch die Zusammenarbeit im Projekt bildete, führte zu einem starken Commitment, der „Erfindergesellschaft“ (Selbstbezeichnung) und einer Geheimhaltung des Forschungsprozesses, der in diesem wissenschaftlichen Bereich zentral ist.

Zentrale Erkenntnisse und Praxisimpulse 

Vernetzung als Innovationsmotor 

Besonders in kleineren Forschungsfeldern wie der Alltagskulturforschung ist Vernetzung kein ‚Nice-to-have‘, sondern essenziell. Die Bündelung von Kompetenzen und Ressourcen steigert nicht nur die Sichtbarkeit, sondern befeuert echte Innovationen und erhöht die gesellschaftspolitische Schlagkraft der Arbeit.

Praxisimpuls: Suchen Sie aktiv nach strategischen Partnern außerhalb der eigenen Institution, um komplementäre Ressourcen zu bündeln und die Reichweite Ihrer Forschungsthemen zu vergrößern.

Kooperation ist aktive Arbeit 

Inter- und transdisziplinäre Projekte funktionieren nicht von allein. Sie bringen spezifische Reibungspunkte mit sich, die aktiv reflektiert werden müssen. Erst tragfähige Konzeptionen und gemeinsam investierte Zeit ermöglichen es, eine gemeinsame Sprache zu finden und Forschungs- und Vermittlungsdesigns zu entwickeln, die über die eigene Disziplin hinausgehen.

Praxisimpuls: Planen Sie in Kooperationsprojekten explizite Reflexions-Slots ein, in denen es nicht um Inhalte, sondern um die Art der Zusammenarbeit und die gemeinsame Terminologie geht.

Einen guten Rahmen schaffen 

Stärken und Chancen von Verbünden: Netzwerke und Verbünde können als Knotenpunkte einer vernetzten Wissenslandschaft verschiedene Organisationen und Personen zusammenbringen, die üblicherweise getrennt voneinander agieren. Sie stärken die sogenannten kleinen Fächer und weniger etablierte wissenschaftliche Felder, indem sie Ressourcen bündeln und institutionelle Verankerungen sichern. Sie erhöhen außerdem die Sichtbarkeit der einzelnen Beteiligten sowie des Netzwerks an sich (als Vertreterin eines Fachs oder Forschungszweigs) und können so auch gesellschaftlichen Einfluss entfalten.

Graphic Recording und Fotos: Nils Theurer