„Wie veränderte die Abschaltung des letzten deutschen Kernkraftwerks die Region am Mittleren Neckar?
Bis zum 15. April 2023 produzierte das Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) fast 50 Jahre lang Strom. Seitdem läuft der Rückbau. Das Zwischenlager Neckarwestheim ist bis 2046 genehmigt.
Welche Erinnerungen verbinden die Menschen in der Region mit der Kernkraft? Mit welchen Hoffnungen und Sorgen blicken sie in die Zukunft? Wie erleben sie diesen Wandel im Alltag?“

Mit diesen Fragen und Worten begrüßte das partizipative POP-UP-MUSEUM KERNgeschichten seine Besucher*innen vom 15. Mai bis 15. Juni 2025 in der Alten Kelter in Gemmrigheim. Was in einer Ausstellung mit neun Themeninseln, einem breiten Veranstaltungsprogramm und einem langfristig zugänglichen digitalen Rundgang durch die Ausstellung sowie einer digitalen Sammlung mündete, hatte einen langen Vorlauf.
Das POP-UP-MUSEUM KERNgeschichten ist mehr als eine Ausstellung. Es ist ein dialogisches Projekt, das partizipative Museumsarbeit und Kulturvermittlung sowie wissenschaftliche Forschung miteinander verknüpft. Im Mittelpunkt standen seit Beginn die Erfahrungen und Perspektiven aus Neckarwestheim, Gemmrigheim und Kirchheim am Neckar, die über Jahrzehnte hinweg in der Nachbarschaft zum Kernkraftwerk Neckarwestheim gelebt haben.

Seit April 2024 baute das POP-UP-MUSEUM auf Forschungen und Dokumentationen der Universität Tübingen und der Landesstelle für Alltagskultur auf. Von April 2024 bis Juni 2025 sammelte das Projekt mithilfe verschiedener partizipativer Formate nukleare Alltagskultur und damit verbundenen Erinnerungen und Zukunftsperspektiven in Kirchheim a. N., Neckarwestheim und Gemmrigheim, den Nachbargemeinden des GKN. Grundlage unseres Vorgehens war ein offener Sammelaufruf an die Menschen der Region, Boxen mit ihren Erinnerungen und Zukunftsentwürfen zu packen. Die Boxen sind Teil unseres im Strukturverbund „KulturWissen vernetzt“ entwickelten Ausstellungsmobiliars „museo mobile“, aus dem das POP-UP-MUSEUM KERNgeschichten entstand.

Knapp 30 Personen und Gruppen folgten diesem Aufruf, das Ergebnis: rund 300 Objekte, Fotografien und Dokumente, die das vielfältige Verhältnis zum Kernkraftwerk abbilden. Wir wählten unterschiedliche Veranstaltungsformate, um Bewohner*innen der Umgebung anzusprechen und sie für unser Projekt zu aktivieren: Einerseits führten wir bspw. offene Erzählcafés durch, in denen Interessierte sich mit oder ohne gepackte Boxen einbringen, sich über unser Projekt informieren und eigene Geschichten erzählen konnten. Andererseits gingen wir bspw. mit einem Informations- und Interaktionsstand an alltägliche Orte, wie Wochenmärkte oder auch Feste, um dort mit Passant*innen zu sprechen.


Das POP-UP-MUSEUM KERNgeschichten präsentierte in der Alten Kelter in Gemmrigheim eine Materialauswahl aus dieser so entstandenen temporären Sammlung. Darüber hinaus war das POP-UP-MUSEUM Begegnungsort für den Austausch von Einzelpersonen und Initiativen aus dem breiten Spektrum von Kernkraftbefürworter*innen bis Atomkraftgegner*innen der Region. Und es verband klare, gegensätzliche, nachdenkliche, widersprüchliche und sich verändernde Positionen letztlich in einem Raum. So vernetzten wir das unter den Bürger*innen vor Ort vorhandene Wissen neu, denn wir reduzierten die gesammelten Alltagsobjekte und damit verbundene Bedeutungszusammenhänge gemeinsam mit den Teilnehmer*innen auf ihre inhaltliche Kernaussagen und kreuzten sie mit anderen Objekten und Wissensbeständen, bzw. setzten sie zueinander in Bezug. Es entstanden neue Beziehungen und Dialoge zwischen den kollektiven und individuellen lokalen Geschichten.

Die gesammelten und gezeigten Objekte zeugen von einer inhaltlichen und emotionalen Bandbreite. Besonders eindrücklich ist eine Sammlung von rund 140 Fotografien der „Wolke“, Symbolbild der nuklearen Ära, ebenso wie technische Bauteile, beispielsweise eine Turbinenschaufel, die einst für das Kernkraftwerk vorgesehen waren, aber nie verbaut wurden. Daneben erzählen alltägliche Gegenstände wie Tassen, Uhren oder Kleidungsstücke bewegende persönliche Geschichten. Sie sind Zeugnisse des Alltags neben dem Reaktor.

Jedes Exponat erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern öffnete einen Raum für Erinnerungen, Meinungen und Gefühle. Die intensive Auseinandersetzung, die bei vielen Beteiligten ausgelöst wurde, ist Teil eines Prozesses: „Da gibt es nichts, ich habe dazu nichts“, war ein Satz, den wir zu Beginn oft hörte. Oft setzte dann doch ein Wandel ein und vollgepackte Boxen, Erinnerungen und Geschichten erreichten das POP-UP-MUSEUM. Besonders eindrücklich waren dabei Generationen verbindende Perspektiven: Ein ehemaliger Mitarbeiter des GKN erhielt zum Ruhestand etwa eine Taschenuhr. Zwischen Vater und Sohn bestanden zeitweise kontroverse Ansichten zum Thema Kernkraft. Heute bewahrt sie sein Sohn als Erinnerung an den Vater auf. Diese kleine Geste erzählt viel über die Verbindungen und Brüche, die das Thema Kernkraft über Generationen hinweg hinterlassen hat.

Auch während der Laufzeit des POP-UP-MUSEUMS ging unsere Erhebung und damit auch viele weiteren Gespräche mit den Bewohner*innen weiter. Bei der eröffnenden Podiumsdiskussion, diskutierten Expert*innen aus Industrie, Standorten und Anti-AKW-Aktivist*innen Fragen zur Zukunft der Energieversorgung. Zwei Bastelworkshops aktivierten Kinder sich mit dem Nachbar Kernkraftwerk spielerisch auseinanderzusetzen. Kern unseres Veranstaltungsprogramms waren jedoch die mit den Teilnehmer*innen gemeinsam umgesetzten Spaziergänge rund um das Kraftwerk sowie gemeinsame Führungen durch das POP-UP-MUSEUMS. Besucher*innen erhielten so tiefere Einblicke in verschiedene Perspektiven zum Kernkraftwerk und diskutierten einander gegenüberstehende Positionen miteinander auf Augenhöhe. Den Endpunkt des POP-UP-MUSEUMS markierte ein weiteres Erzählcafé, das insbesondere eines deutlich machte: Trotz der Abschaltung, hat sich die Kernkraft noch lange nicht verabschiedet. Nicht zuletzt aufgrund des noch bestehenden Zwischenlagers vor Ort, wird das Thema die Region und auch die Republik noch viele Jahrzehnte weiter beschäftigen.

Damit war der Abbau des POP-UP-MUSEUMS auch nie das Ende für uns Projektbeteiligte. Denn es geht weiter: Im Museum der Alltagskultur ist seit November 2025 bis 2027 die Sammlungswerkstatt „Nuklearer Alltag“ geöffnet. Einzelne der temporär gesammelten Alltagsobjekte im Verlauf des POP-UP-MUSEUMS sind in die Sammlung des Museums aufgenommen worden. Die Sammlungswerkstatt lädt Besucher*innen dazu sein, den neuen Sammlungsschwerpunkt „Nuklearer Alltag“ mit eigenen Gedanken und Objekten mitzugestalten und weiterzuentwickeln.


